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Heimkommen

Im Hansaviertel

Im Hansaviertel

Heimkommen
von Janne Stolz

Ich bin so unendlich müde. Immer diese langen, anstrengenden Arbeitstage, puh! Und diese drückende Hitze; selbst in der Nacht ist die Stadt noch so heiß, wie ein Backofen. Wenn es doch nur endlich regnen würde.
Mühsam schleppe ich mich durch die spärlich erleuchteten Straßen, ignoriere den Lärm des Verkehrs um mich herum. Meine Beine sind schwer, der Rücken tut weh, es ist eine Quälerei. Aber von nichts kommt halt nichts. Zum Glück ist es nicht mehr weit nach Hause. Hunger habe ich auch, mächtig sogar. Was es wohl zu Essen gibt?
Ich biege in meine Straße ein. Von hier kann ich das Haus schon sehen. Es ist eine große, zweistöckige Villa aus dem letzten Jahrhundert, die unter all den anderen eher einfacheren Häusern heraussticht. Zwei Türmchen zieren ihr Dach und der Eingang wird von schlanken Säulen flankiert, die den sich darüber befindenden Balkon tragen. Wirklich ein Schmuckstück! Drumherum ein kleiner, üppig blühender Garten, der durch eine Mauer von der Straße abgegrenzt wird. Große Bäume wachsen darinnen, und die weißen Blüten der Büsche verbreiten einen betörenden Duft. Eine Laterne beleuchtet den kurzen Weg zum Eingang.
Am schmiedeeisernen Gartentor bleibe ich stehen und betrachte das Haus, wie so oft, wenn ich heimkomme. In der Dunkelheit wirkt es besonders einladend. Die Fenster sind hell erleuchtet, sie strahlen Freundlichkeit aus. Ich stelle mir vor, wie angenehm kühl es innen sein wird und wie mir meine Frau und die Kinder im Hausflur freudig entgegenlaufen.
Das Knattern eines Mopeds reißt mich aus meinen Gedanken. Ich seufze, dann gehe ich die hohe Gartenmauer entlang. Da ist es, mein Zuhause. Eine Plastikplane, die von der Mauerkrone bis zum Boden gespannt ist. Hier leben meine Frau und ich mit unseren drei Kindern. Heute gibt es Linsencurry. Das ist Luxus, denn oft reicht das Geld kaum für eine Handvoll Reis.
Den Besitzer der Villa habe ich auch schon einmal gefahren, mit meiner Rikscha, die ich von Hand ziehe, während die staubige Straße meine nackten Fußsohlen verbrennt.
Mein Name ist Jawahar, ich lebe in Kalkutta.

von © Janne

Wer mag, kann mehr von Janne († 13 .12.20145) lesen unter:

 

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