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Goldener Herbst oder Im Westen nichts Neues

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Fotos von Romy Sickmüller

 

Manche Kollegen haben ihr Soll für dies Jahr schon erfüllt und Berlin bereits den Rücken gekehrt. So auch Knut Hildebrandt. Er reist gerade die Westküste der USA hinab, den ganzen Weg von Vancouver in Kanada bis nach Mexiko. Hier einer seiner Reiseberichte:

Land der begrenzten Unmöglichkeiten

Was mir recht bald hier in den Staaten auffiel, ist die weit verbreitete Armut. In großen Städten wie Seattle und Portland trifft man aller Orten auf Obdachlose und Bettler. Und die sehen meistens nicht wie das drogenabhängige Klientel aus der East Hastings Street in Vancouver aus. Viele wirkten auf mich eher depressiv und niedergeschlagen.

T. meinte, die Jobsituation in den Staaten sei derzeit katastrophal. Viele Menschen verdienen so wenig, dass es kaum zum Leben reicht. Deswegen können sie sich auch keine Krankenversicherung leisten. Da helfen auch die von Obama eingeführte Krankenversicherungspflicht und die mit ihr einhergehende Unterstützung der ärmeren Bevölkerungsschichten wenig. Diese bekommt man nämlich erst im Nachhinein und zwar nach Abgabe der Steuerklärung ausgezahlt. Bezahlen muss man die Versicherung aber sofort und zwar von dem Geld, das man eigentlich zum Leben benötigt. Sich um die Krankenversicherung wie bisher zu drücken geht aber auch nicht. Ab Ende des Jahres werden dafür drastische Strafen erhoben. T. wird deshalb jetzt für um die 160 Dollar im Monat eine Versicherung abschließen, die gerade mal das Nötigste für einen Notfall abdeckt.

Besonders auffällig wurde diese alltägliche Armut in einem Supermarkt mit dem schönen Namen „Grocery Outlet“. In diesem gibt es alles um bis zu 50% herabgesetzt. Die Sachen stammen aus anderen Märkten, die sie nicht rechtzeitig los geworden sind. Beim „Grocery Outlet“ kauft der ärmere Teil der Bevölkerung ein, für den jeder Dollar zählt. Es war schon beklemmend zu sehen, wie sich das gar nicht so alte Paar vor uns freute, als das Mädel an der Kasse ihnen zuträllerte, dass sie gerade gut 25 Dollar gespart hätten. Sofort überlegten die beiden, wo die gesparten Kohle sonst gefehlt hätte.

Fast alle Leute, die ich bisher kennen gelernt habe jobben in einem Restaurant oder haben dort einen Zweitjob. Das trifft nicht nur auf T. zu, dem zur Zeit das nötige Kleingeld fehlt, sein Studium zu beenden. Auch seine Schwester, die ihren Bachelor in Psychologie bereits in der Tasche hat, arbeitet noch in einer Bar. Selbst sein Freund J. muss sein Lehrergehalt mit einem Nebenjob als Bartender aufbessern. Eine feste Anstellung findet er nämlich nicht. Deshalb gibt er Vertretungsstunden auf Zuruf. Das läuft meist so, dass er am Abend oder früh am Morgen seine Mail checkt, um zu sehen, ob ein Job im Angebot ist. Dann heißt es schnell zuschlagen, das Angebot annehmen und die Stunde(n) abreißen.

Bei einem unserer Gespräche über die derzeitige Situation in den Staaten erwähnte T. auch, dass gut ein Fünftel aller Kinder in den USA nur zwei Mahlzeiten am Tag hätten. Sein Freund J. bestätigte das und ergänzte, dass dies dann in der Regel die Schulspeisung sei. Für Kids aus armen Familien ist diese kostenlos und oft das einzige, was sie unter der Woche zu essen bekommen.

Viele Amerikaner erhalten auch Food Stamps, damit sie sich ausreichend ernähren können. Diese Lebensmittelmarken können in den meisten Supermärkten gegen Nahrungsmittel eingelöst werden. T. hatte auch eine Zeit lang welche bezogen. Er bekam Marken im Wert von um die 200 Dollar im Monat. Seit er mit mehrere kleinen Jobs ein regelmäßiges bescheidenes Einkommen hat, lohnt sich der Aufwand der Beantragung nicht mehr. Er würde jetzt nur noch um die 20 Dollar bekommen.
Der Hammer ist: die Republikaner versuchen gerade im Repräsentantenhaus durchzusetzen, dass die Mittel für die Food Stamps drastisch gekürzt werden. Ihrer Meinung nach sind die Bezieher der Marken arbeitsscheu und machten sich nur auf Staatskosten ein gutes Leben.

Auf der anderen Seite scheint es hier in den Staaten aber nicht wenige Leuten zu geben, die nicht wissen wohin mit ihrer Kohle. In dem Restaurant, in dem J. kellnert, gab es kaum ein Hauptgericht unter dreißig Dollar. Und der Laden war fast jeden Abend gut besucht.

T. erwähnte auch einen Freund, der für „Google“ als Programmierer arbeitet. Dieser verdient mit gerade mal fünfundzwanzig 250.000 Dollar im Jahr. Die braucht er aber auch, weil er in San Francisco lebt. Die Mietkosten in der Stadt sind gerade dabei zu explodieren. T. zeigte mir eine Karte im Netz, aus der hervor ging wie viele Jobs die alteingesessene Bevölkerung haben müsste, um sich ihre Bude bei Neuvermietung noch leisten zu können. Das Krasseste war das acht bis neunfache. Kein Wunder, dass viele aus der Stadt abwandern. So vielen Nebenjobs kann ja kein Mensch nachgehen.

Reiseblog von Knut:
http://reiseblog.knut-hildebrandt.de

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