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Frau Berg fährt Rikscha

Lohmeyers in JamelGestern trat unsere geliebte ANDREA BERG in der Berliner Waldbühne auf. Ohnehin war die Stadt am letzten Ferienwochenende traditionell voller Gäste, Feste, Versammlungen und Aktivitäten. Mit so viel Ablenkung ist es sehr einfach über die Anderen – die Abgehängten unserer Gesellschaft – hinweg zu sehen. Ob Flüchtlinge, Obdach- und Arbeitslose oder einfach nur Benachteiligte. Immerhin gab es eine Kunstinstallation am Brandenburger Tor, die auf die Opfer der HARTZ 4 Reformen der SPD hinwies.

Zum Glück gibt es aber auch viele liebevolle und aufmerksame Menschen, die anderen helfen und sogar Honig verschenken…:-)

 

Hier eine Kolumne von Sibylle Berg vom 29.08.2015:

Versuchen wir es angesichts der gewaltbereiten Pflegefälle auf deutschen Straßen mal mit Verständnis. Es kann gar nicht anders sein: Der Pöbel muss in seiner Kindheit viel psychisches Leid erfahren haben.

Lassen Sie uns heute über Gewalt reden. (Langsam drehe ich durch, ich sehe mich auf einer Kanzel stehen, der rosafarbene Talar umweht meinen grazilen Körper, ich hebe die Hände, Aureole, das volle Programm.)

Lassen Sie uns (Stimme vibriert) über Gewalt in Deutschland und der Schweiz reden. In anderen Ländern kenne ich mich nur so aus wie jeder Idiot, der glaubt, eine Ahnung zu haben, nachdem er eine kleine Reise unternommen hat und ein wenig durch die Gassen gestromert ist.

Gewalt und Zucht haben in Deutschland eine lange, erfolgreiche Tradition. Die „Körperstrafe“, die die Züchtigung der Ehefrauen, der Lehrlinge, Schüler und Kinder meinte, wurde schrittweise seit den Fünfzigerjahren abgeschafft. In der Schweiz werden Körperstrafen immer noch als gesetzlich erlaubte Handlungen gewertet. Hab ich das gerade wirklich gelesen? Ja, scheint zu stimmen.

Zurück nach Deutschland. Es war also noch vor 50 Jahren durchaus normal, Kinder zu züchtigen, früher gehörte es unhinterfragt zur Erziehung und Ausbildung. Auch da waren die Deutschen mit einem perfiden Konzept der preußischen Schule Meister.

Angst machen, Panik erzeugen

Wer schon einmal geschlagen wurde, wem als Hilflosem psychische Gewalt begegnete, der weiß, was so etwas vor allem mit einem jungen Menschen machen kann. Die Gewalt gegen Aufwachsende, die Grausamkeit im Umgang mit Kindern, die fast bis in die Generation derer reicht, die heute um die 50 sind, und die in manchen Familien immer noch normal ist, kann erklären, warum trotz einigermaßen guter Schulbildung immer noch Menschen in Deutschland auf der Straße stehen und sich einnässen vor Hass. Gewalt in der Kindheit erklärt das Einprügeln von Gangs auf am Boden Liegende, erklärt die Freude von Hooligans, sich auf die Fresse zu hauen. Vermutlich erklärt sie auch häusliche Brutalität.

Vielleicht ist einer der großen Konflikte unserer Zeit die Überwindung der Gewalt unserer Vorgeneration. Der Konflikt zwischen denen, die immer lauter sind, und jenen, die in einer Atmosphäre aufgewachsen sind, in denen man Kinder als kleine Menschen begreift, deren Rechte gesetzlich verankert sind. Den Stand der Entwicklung einer Gesellschaft erkennt man an dem Grad, bis zu dem sie Gewalt überwunden hat.

Gewalt, Gebrüll, Angst machen, Panik erzeugen, Brandsätze werfen, im Rudel auftreten, Menschen als Dinge begreifen: Das sind nicht die Eigenschaften dumpfer Idioten. Es sind Eigenschaften der Pflegefälle unserer Gesellschaft, denen therapeutische Hilfe und viel Anteilnahme gegönnt sein sollten, denn Gewalt ist das Argument der Verzweifelten, der in der Kindheit Missbrauchten.

Na ja, und wenn das mit der Anteilnahme nicht funktioniert, sollte man sie vielleicht gepflegt wegsperren. Irgendwohin, wo sie anderen keinen Schaden zufügen können.

Rikscha fahren – immer ein Vergnügen.

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