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Bewegung 2. Juni

Ein Rikschafahrer erzählt:

Am 2. Juni 1967 war ich noch viel zu klein um politische Zusammenhänge wahrzunehmen oder gar zu begreifen. Einige Jahre später begriff ich, dass dies genau das Datum war, wo sich die politische Welt in Deutschland für immer geändert hatte. Als ich aus dem Klassenzimmer der 8. Klasse des Beethoven Gymnasiums kam, stand vor der Türe meiner bis dahin heilen Welt ein Polizist mit einer automatischen Waffe. Die gesamte Schule war von der Polizei besetzt und abgesichert worden. Was war geschehen? Dr. Lorenz ein Abgeordneter und Spitzenkandidat der CDU für die Wahl in Berlin war entführt worden.

Einige Jahre später wurde die Rasterfahndung eingeführt und wir mussten als Nachtschwärmer öfters eine Straßenkontrolle über uns ergehen lassen. Wir hatten zwar kurze Haare, fuhren aber schnelle Autos (BMW!) und hatten Lederjacken an.  Besonders wenn ein junger Polizist mit seiner Maschinenpistole ins Innere des Wagens direkt auf uns zielte beteten wir heimlich, dass er nicht zu nervös oder unerfahren sein möge. Als Musiker lehnten wir jede Politik ab und meinten ohnehin es gäbe keine (vernünftige) Zukunft … was sich ja leider bestätigt hat.

Ein Musiker sicherte ein Zeitdokument des deutschen Herbstes indem es es auf einer Single verwertete. Er kam kurzerhand nach Deutschland setzte sich in eine Telefonzelle und nahm mit seinem Kassettenrekorder die Stimmen der Entführer auf, welche von der Polizei veröffentlicht worden waren um die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach den Entführern zu bitten. Dieser Musiker war niemand anderes als Brian Eno:

Rikscha fahren – immer ein Vergnügen.

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