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Lethargie im Hansaviertel

Schattenspiel

Manchmal irren kleine Gruppen von Touristen in meiner Wohngegend umher. Meistens sind es Italiener, die in ihrem Reiseführer vom berühmten Hansaviertel gelesen haben. Hier angekommen staunen sie dann nicht schlecht wie langweilig es hier ist. Außer dem Baumkuchencafe an der Ecke mit Dampferanlegestelle und einer Currybude (beide leben bestens von den Touris!) gibt hier aber auch überhaupt nichts Interessantes zu entdecken.

Es sei denn, man wohnt hier. Dann erschließen sich manche Dinge besser. Zu scheinbar festgelegten Zeite sitzen auf meinem Hinterhof einige Mieter mit Thermokaffeebechern und/oder Bierflaschen auf billigen Plastikstühlen an einem Tisch mit einer bunten Plastikdecke und schimpfen über die Ausländer, die Regierung, oder über Irgendetwas anderes. Besserwissen – des Berliners liebste Beschäftigung.

Im Haus gegenüber raucht eine einsame Dame ihr Leben lang auf ihrem Balkon zu immer den gleichen Zeiten. Morgens noch mit Cafétasse in der Hand, ab dem Nachmittag aber bereits mit einem Glas Wein. Sie redet lieber mit ihrem Pudel anstatt mit Menschen.

Jeden Samstagsvormittag steht der Hausmeister mit einem Besen in der Hand vor unserem Haus und tut so als ob er schwer arbeitet.

Und dass alles geschieht hier nunmehr seit 40 Jahren. Jahr für Jahr, jede Woche, jeden Tag. Wie ein Uhrwerk…

Vor 3 Jahren wurde meiner vietnamesischen Näherin die Miete ihres Ladens verdoppelt. Seitdem kämpft der SPD-Abgeordnete von Tiergarten dafür die alkoholkranken Menschen vom Hansaplatz zu verdrängen. Die meisten Anwohner finden dies gut. Alternativen für diese Menschen sind ihm bisher nicht eingefallen, aber den Späti hat er genehmigt. Auch er wünscht sich offensichtlich die guten, alten 70´er Jahre hierher zurück, als hier noch alles in Butter-Lindner war.

So ist dieses Viertel geprägt von Spießigkeit, Belanglosem, Stillstand und Klischee. Aber dass sehen Touristen kaum. Dazu muss man hier wohnen. Eine langweiligere Gegend in Berlins Mitte kann man kaum finden.

Dass sehen die Touristen auf Anhieb und gehen schnell weiter.

Und: Rikscha fahren ist immer ein Vergnügen.

Straßenkunst

Nettes Frühstücks-Café

Nettes Frühstücks-Café

Deutsches Hinterhofreich

Attraktives Geschäft

Delikatessen am Hansaplatz

Netter Besuch am Montag. Das wird man doch mal sagen dürfen…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Er sitzt die meiste Zeit am Fenster
mit einem Kissen unter’m Arm.
Ist ein Fahrrad auf dem Gehweg,
ist ein Wagen falsch geparkt?
Er ist allzeit bereit und schlägt Alarm.

Vor einem Jahr ging er in Rente,
nun weiß er nicht, wie’s weiter geht.
Sein Wellensittich ist der letzte,
der hin und wieder mit ihm spricht,
wenn er allein vor seiner Fototapete sitzt.

35 Jahre lang
Haken für den Duschvorhang.
35 Jahre lang
Haken für den Duschvorhang.

Früher stand er mal am Fließband
in Halle 24 B.
Er war Kolonnenführer,
denn er hat sich hochgedient.
Die Stechuhr hat seinen Lebenslauf bestimmt.

Sein allererster Blaumann
hängt wie ’ne Uniform im Schrank.
Den Abschiedsbrief der Firma
hat er sich eingerahmt.
Er macht die selbe Frühstückspause wie in all den Jahrn.

35 Jahre lang
Haken für den Duschvorhang.
35 Jahre lang
Haken für den Duschvorhang.

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