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Geschichtsunterricht

Michael Rohrmann

Michael Rohrmann

Text von Jens Mühling Jens Mühling:

„Er war 90 Jahre alt. Ich fragte ihn, ob er schon vor dem Krieg im Hansaviertel gelebt hatte – in jenem untergegangenen Kiez, den ich nur von Fotos kannte. Er schüttelte den Kopf. „Als Kind“, sagte er stockend, „bin ich einmal hier durchgefahren … in dem Wagen, den wir damals hatten …“ Ich hoffte auf Details, aber im nächsten Satz schien er vergessen zu haben, worüber wir gesprochen hatten, stattdessen zählte er die Autos auf, die er in seinem Leben gefahren war. Je schneller die Modelle wurden, desto langsamer kamen wir voran. Irgendwann fiel ich in eine Art Trance – die Zeit zerfaserte, der Raum löste sich auf, vor meinem inneren Auge sah ich den alten Mann und mich in wechselnden Autos durch Berlins Vergangenheit fahren.

Wir saßen im Fond einer schwarzen Vorkriegslimousine, an deren Fenstern das alte Hansaviertel vorbeizog, jenes „wichtigste Zentrum des jüdischen Lebens in Berlin“, als das es 1938 der Rabbi Jechiel Weinberg bezeichnete, kurz bevor die Synagoge in der Lessingstraße niedergebrannt wurde. So viele Juden müssen in jener Zeit aus den Straßen zwischen Tiergarten und Spree verschwunden sein, dass man Berlins kleinsten Ortsteil heute lückenlos mit Stolpersteinen pflastern könnte.

Als unser Wagen um die nächste Ecke bog, brannte das Viertel lichterloh. Der Krieg war in seiner Endphase, der Bombenhagel riss nicht ab, die Hitze der Feuersbrunst trieb die Menschen in den nahen Tiergarten. Als sie wieder heraustraten, war vom alten Hansaviertel so gut wie nichts übrig.

In einem VW Käfer umkurvten wir die Baukräne, die 1957 über dem Brachland aufragten. Die Trümmer waren beseitigt, die westliche Architekturwelt pilgerte zur Internationalen Bauausstellung und füllte das Viertel mit jenen ikonischen Bauten der Nachkriegsmoderne, die es bis heute prägen.“

Eine Rikschatour – auch hier ein wirkliches Vergnügen.

Altonaerstr.

Flensburgerstr.

Altonaerstr.

Bartningallee 9

Flensburgerstr.

 

 

 

 

 

 

 

 

aus dem Tagesspiegel vom 19.10.2017:

In Neukölln erinnern mehr als 200 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig an Anwohner, die während der NS-Zeit gewaltsam aus der Nachbarschaft gerissen wurden. Die Verlegung einer Messingtafel kostet 120 Euro – ein Betrag, der üblicherweise von Privatpersonen oder Initiativen gestiftet wird.

In wenigen Ausnahmefällen können Angehörige den Betrag nicht selbst aufbringen. In solchen Fällen solle das Bezirksamt einspringen, schlug der Antrag des CDU-Verordneten Schulze vor. Sämtliche Fraktionen stimmten dem Antrag zu – mit Ausnahme von vier Nein-Stimmen und einer Enthaltung von Seiten der AfD.

Krise als Regierungsform

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