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Barbara

Barbara und Yun 2006

22.11.2017 Buß- und Bettag

In Berlin gibt es viele süchtige Menschen. Viele der obdachlosen Menschen sind nur ein kleiner Teil davon. Der weitaus größere Teil bleibt unsichtbar. Ende 1975 traf der damalige Chef des Jüdischen Krankenhauses – Prof. Dr. Lothar Schmidt – einen Freund der gerade zu einem AA-Meeting ging. Er begleitete ihn dorthin und wunderte sich über die Offenheit und Ehrlichkeit der Menschen dort. Dieses einfache Programm aus den U.S.A. verhalf offensichtlich vielen der anwesenden, komplizierten Alkoholikern zur Abstinenz. So führte er dieses Programm als einer der ersten Ärzte in sein Berliner Krankenhaus ein. Deswegen war „Das Jüdische“ lange Jahre eine Instanz und die beste Einrichtung für eine Entgiftung in Berlin.

Dort arbeitete auch Schwester Barbara fast ihr ganzes Leben lang. Erst als Krankenschwester, später als Oberschwester und schließlich bis vor einigen Jahren als Chefin der Abhängigenambulanz in der Iranischen Straße. Dort nahm sie ca. 22.000 Patienten stationär auf. Wer dort gelandet war, der konnte Barbara, dem Team und vor allem sich selbst meistens nichts mehr vormachen. Als Betroffene kannte Barbara jede Lüge, jeden Trick, jeden Schmerz und jede Gier. Bis heute wird sie in fast jedem Meeting erwähnt. Eine Hälfte der Anwesenden schnauft dann vor Wut. Die andere Hälte schmuzelt wissend um die Qualität ihrer Therapie und ihre unerschöpfliche Liebe zu Gott und allen Menschen. Diese 2. Hälfte liebt Barbara genau für diese barmherzige Konsequenz. Nicht wenige werden ihr (so wie ich) das Leben und vielleicht sogar noch mehr verdanken.

Gestern ist sie nach kurzer, schwerer Krankheit im Lazarus-Hospiz friedlich eingeschlafen. Sie wurde nur 76 Jahre alt. Abends kamen ein Pastor, ihre Familie und die wirklichen Freunde in einem kleinen Kreis an ihrem Totenbett zusammen, beteten und sangen sie in den Himmel. Nun ist sie oben bei ihrem Heiland und kann wieder ihre legendären Gruppen leiten – mit mindestens 11.000 Teilnehmern. Das war ihr Traum für den Himmel.

Ich treffe sie dort wieder. Wahrscheinlich in der Gruppe, in Spanien oder am Meer.

Trost

„Ich möchte eine alte Kirche sein
voll Stille, Dämmerung und Kerzenschein.

Wenn du dann diese trüben Stunden hast,
gehst du herein zu mir mit deiner Last.

Du senkst den Kopf, die große Tür fällt zu.
Nun sind wir ganz allein, ich und du.

Ich kühle dein Gesicht mit leisem Hauch,
ich hülle dich in meinen Frieden auch.

Ich fange mit der Orgel an zu singen…
nicht weinen, nicht die Hände heimlich ringen!

Hier hinten, wo die beiden Kerzen sind,
komm setz dich hin, du liebes Menschenkind!

Ob Glück, ob Unglück… alles trägt sich schwer.
Du bist geborgen hier, was willst du mehr?

In den Gewölben summt’s, die Kerzenflammen
wehn flackernd auseinander, wehn zusammen.

Vom Orgelfluß die Engel sehn dir zu
und hüllen dich mit Flötenspiel zur Ruh.

Ich möchte eine alte Kirche sein
voll Stille, Dämmerung und Kerzenschein.

Wenn du dann diese trüben Stunden hast,
gehst du herein zu mir mit deiner Last.

(Manfred Hausmann)


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