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Spiritueller Meister

Der Meister sagt:


 

Morgenluft

die Witterung ist aufgenommen.

Es riecht nach Sieg.

Es könnte reichen.

Endlich wieder Ordnung.

Nach guter Deutscher Art.

Neue Sündenböcke sind ausgemacht.

Und alle heulen mit.

Wölfe sind unterwegs.

Tag und Nacht.

Die Propaganda nimmt zu.

Tägliche Medienpräsenz fördert den Erfolg.

Freiheit wird genutzt,

sie ins Gegenteil zu formen.

Wieder und immer wieder.

Werden wir es denn niemals los,

dieses Los der Geschichte?


 

Nachtrag:

Gestern wurden in der Turmstraße 53 weitere Stolpersteine verlegt. Das kurze Gespräch mit dem Großneffen von Walter Lewin – Benjamin Gidron – versetzte mich noch einmal zurück in die Vergangenheit. In dem Haus Nr. 53 befand sich in den 1960er Jahren ein Café wo meine Oma immer ihre Knüppel kaufte. Knüppel sind (waren?) weiche herzhafte Milchbrötchen. Gut geeignet für die 3. Zähne. Wir fragten uns, ob Oma und Opa womöglich vor dem Krieg Patienten von Walter Lewin – einem Zahnarzt – waren. Anschließend umarmten wir uns in dem Bewußtsein überlebt zu haben… und voller Dankbarkeit für den heutigen Frieden und die Möglichkeit Heilungsarbeit leisten zu dürfen.

Eine professionelle Trauerbegleitung finden Sie hier.

Benjamin Gidron – Großneffe von Walter Lewin

Stolpersteinverlegung

3. September Turmstraße 53

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Benjamin Gidrons Rede anlässlich der Stolpersteinverlegung für Walter Lewin und seine Kinder Ingolf und Jutta:

Wir haben uns heute hier versammelt – fast 77 Jahre nachdem Walter Lewin und seine beiden Kinder Ingolf (8 Jahre alt) und Jutta (6 Jahre alt) zum letzten Mal ihre Wohnung in der Turmstraße 53 verlassen haben und in das Waldgebiet Rumbula bei Riga in Lettland verschleppt und in dem sie erschossen wurden. Nach der Aussage eines Nachbarn geschah dies gegen halb elf in der Nacht. Sie wurden von zwei SS-Leuten abgeholt. Walter hatte nur einen Rucksack auf dem Rücken.

Walter Lewin war Dentist. Er begann, wie das damals üblich war, seine Berufslaufbahn bei dem erfahrenen und ausgewiesenen Dentisten Baumgartner, der seine Klinik in der Holzmarktstraße hatte. Als Walter seine Lehrzeit beendet hatte, eröffnete er eine eigene Zahnpraxis in der Turmstraße 28, wo er auch seine Wohnung hatte. Im Mai 1933 behandelte er meinen Großvater Sally Gottfeld wegen seines gebrochenen Kiefers, den er bei der Folter im Keller in der Papestraße durch die SA davongetragen hatte. 1938 musste Walter wegen der antijüdischen Gesetze seine Praxis aufgeben und zog in die Turmstraße 53.

Walter war mit Henriette Heidemann, genannt Henny, verheiratet. Das Paar hatte zwei Kinder – Ingolf und Jutta. Die Eltern ließen sich aber scheiden und die Kinder lebten bei ihrem Vater, mit dem sie auch deportiert wurden. Henny wurde etwa ein Jahr später deportiert.

Dass wir – mein Sohn und ich – heute hier sind zeigt, dass wir nicht nachlassen in unserem Engagement, an jedes einzelne Familienmitglied zu erinnern, an jene, die ermordet wurden und an jene, die von den Nazis gezwungen wurden, Berlin zu verlassen.

Wir hätten dieses Projekt nicht ohne die enorme Hilfe durch Sie alle, insbesondere aber vom Verein „Sie waren Nachbarn“ in Angriff nehmen können. Während meine Familienangehörigen und die Eltern und Großeltern der Vereinsmitglieder in der Vergangenheit höchstwahrscheinlich Nachbarn waren, vermitteln uns zwei oder drei Generationen später die Vereinsmitglieder das Gefühl, dass wir tatsächlich heute ihre Nachbarn sind.

Ich nutze die Gelegenheit, jedem einzelnen und allen Mitgliedern des Vereins „Sie waren Nachbarn“ für ihr fortgesetztes Engagement für die Erinnerung an die früheren Bewohner von Moabit und Ihnen allen für Ihre heutige Teilnahme an unserer Feier zu Ehren der Familie Lewin zu danken, die hier in der Turmstraße 53 gewohnt hat.

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