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Ende eines Sommers

Auf unserem Steg herrscht nun eine entspannte spätsommerliche Stille.

Räucherstäbchenduft – leises Plättschern im See – der Ruf des Habichts, ein Paradies mitten in der Stadt. Manchmal wird sogar ein Gedicht vorgetragen. Heute war es von Johann Gottfried Herder (1744-1803):

Der Gewinn des Lebens


 

Am kühlen Bach, am luft’gen Baum

Träum‘ ich nun meines Lebens Traum,

Und mag nicht wissen, ob die Welt,

Wie ich mir träume, sei bestellt;

Denn ach, ist Der wol mehr beglückt,

Der, daß sie nicht so sei, erblickt?

 

Ich ging einmal der Weisheit nach

Und hörte, was die Weisheit sprach.

Sie sprach so viel- und mancherlei,

Was einst die Welt gewesen sei

Und jetzt nicht ist und, sehr verirrt,

Wol nimmer, nimmer werden wird.

 

Ich grämte mich und ging im Gram,

Als mir der Ruhm entgegen kam.

»Dir,« sprach er, »Sohn, Dir ist beschert,

Zu räumen weg, was Dich, beschwert.«

Ich räumte, wollte vor mich sehn;

Allein die Felsen blieben stehn.

 

Ermattet, ohne Gram und Zorn,

Sucht‘ ich nun Rosen unterm Dorn.

Die Rosen, ach! entfärbten sich,

Und ihre Dornen stachen mich;

Zwei Knöspchen unter allen hier,

Lieb‘ und die Freundschaft, blieben mir.

 

Am kühlen Bach, am luft’gen Baum

Träum‘ ich nun meines Lebens Traum.

Die beiden Knöspchen pfleg‘ ich mir

Und weihe sie, o Sonne, Dir!

Komm, kühler Bach, erquicke sie!

Komm, süßes Lüftchen, stärke sie!

I

II

III

IV

V

VI

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