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274, Phonoabteilung

Portionsteller um 1970

Wer kennt sie noch? Die guten, alten Portionsteller? Man aß davon im Urlaub, in Kantinen und natürlich bei BILKA am Zoo, einem Billigkaufhaus des Hertiekonzerns in den 60er und 70er Jahren. Also auch Hermann Tietz. Eine Zeit ohne den heutigen to-go-Verpackungswahnsinn. Oben – am Rand der Kuppel – befand sich einst das Restaurant des Kaufhauses mit Blick durch die mittlere Öffnung auf das Treiben in diesem Haus und mit Speisen in Kantinenqualität. Das Essen kam wohl direkt aus der Mitarbeiterkantine. Diese mussten jedoch in seperaten Räumen pausieren. So auch ich während eines Schülerpraktikums. 🙂 Es waren sehr einfache, ungemütliche Räume und alle rauchten damals wie Schlote. Wenn ich aber mit Oma und Opa als Kind Ausflüge zum Flughafen Tempelhof, in den Zoo, das Aquarium oder eben an den Kudamm zum bummeln machte, war das Paar Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat eben dort oben obligatorisch. Nachdem die BILKA-Kette in Berlin abgewickelt worden war und später auch die Häuser von HERTIE zog KARSTADT SPORT ein.

Nun scheint auch das Kapitel von Bilka am Zoo dort nach über 60 Jahren zu Ende zu gehen. Die Schließung von vielen Standorten des Karstadtkonzerns droht. Ich erlebe einmal mehr den Untergang bisheriger Strukturen in Berlin, denn unterdessen wird laut über die Neuordnung der Innenstädte nachgedacht. Durch Corona und das andere Virus könnten bald viele Läden, Büros und Cafés überflüssig werden – es wird bestellt auf Teufel komm raus. Das spart Wege und Zeit, schafft jedoch im Gegensatz dazu viele schlecht bezahlte Arbeitsplätze mit dem erbärmlichen Mindestlohn von 9,35 €! Gut hat es, wer für diesen Lohn nicht arbeiten muss und sich lieber Qualität anschafft. Wie wäre es da, wenn im alten BILKA-Haus ein Gegenentwurf zu den billigen Nachbarn PRIMARK eröffnet werden würde. Ein Haus in Retrolook, diesmal mit einen hochwertigen Warenmix, einem gutem Service, ohne Musik und ohne Internetempfang. Das könnte die alte Qualität des gemeinsamen Einkaufens wiederbeleben, wenn auch nur als Imitation. Es gäbe Schallplattenverkäufer die sich auskennen, eine Stoffabteilung mit den modernsten Stoffen, Schnittmustern und netten Fachkräften und vegane Wiener Bio-Würstchen auf umweltfreundlichen Mehrweg-Portionstellern unter dem Dach mit persönlichen Gesprächen und ohne Handy. Aber wahrscheinlich zieht einfach MANUFACTUM ein. Eben nur die Immitation der alten Welt für Leute die es sich leisten können…

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