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Hansaplatz – eine Momentaufnahme

Als nach dem 2. Weltkrieg 1957 mit der Interbau hier ein vollkommen neues Viertel entstand, wurde rund um den zukünftigen U-Bahnhof auch ein kleines Einkaufzentrum mit 13 Geschäften angelegt. Es gab das Kino Bellevue, Bolle, die Berliner Bank, Butter-Linder, ein Hussel-Schokoladengeschäft, ein Foto-Fachgeschäft, einen Schreibwarenladen, einen Blumenladen, eine Apotheke, die Drogerie von Bubi Scholz, einen Bäcker, und einen Zeitungsladen mit Lottoannahmestelle. Gegenüber im Scheibenhaus von Egon Eiermann war eine richtige Post, mit extra Paketannahmeschalter. 😉 Um die Ecke war Haxen-Hanne. Das war eine kleine, heile Welt mitten in West-Berlin. Oma und Opa wohnten nebenan im 12. Stock mit Blick in den Osten. 1986 – während unserer Schwangerschaft und auch danach kaufte ich Milch und (Vanillie-)Quark ausschließlich dort bei Lindner. Tschernobyl war gerade explodiert und die meisten Lebensmittel verstrahlt. Nur Milchprodukte aus Dänemark galten als sicher. Genau wie Dosennahrung aus „Vor-Tschernobyl-Zeiten“.

Diese kleine „Illusion eines Paradieses“ aus dem 60er Jahren hat während der Jahrzehnte so manche Veränderung erlebt. Aus dem Kino wurde das weltbekannte Gripstheater. Die Berliner Bank gab nach zu vielen Banküberfällen auf. Sie lag einfach sehr einsam und gut versteckt in einem Wohnhaus hinter der Anlage. Jetzt befinden sich dort ein Augen- und ein Tierarzt. Bubi Scholz und Butter-Lindner verschwanden auch bald. Hussel, Foto-Meyer und Haxen-Hanne schon lange zuvor. Aus Bolle wurde vor einigen Jahren Rewe City.

In den 1990er Jahren wurde dieser Platz zum deutschlandweit bekanntesten Säufertreffpunkt mit guten Versteckmöglichkeiten in den Grünanlagen hinter dem Einkaufszentrum und mit gutem Anschluss zur Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo. Damals schämten sich die Säufer noch für seine missliche Situation. Die Kirche gegenüber kochte einmal pro Woche Essen für ca. 150 Menschen. Jetzt kaufen auf dem Parkplatz der Kirche ansässige Hippster freitags ihren Kram auf dem Bio-Markt. Zwischenzeitlich waren die Fahrzeuge von „Velotaxi“ in einem Bogen der Berliner S-Bahn hinter dem Zentrum untergebracht. Einige offen jähzornig-gewaltbereite „Kollegen“ parken dort noch immer.

Immerhin wurde unterdessen die Bücherei grundsaniert. Aber der Platz gegenüber verlor trotzdem nach und nach – genau wie die Rikschabranche – immer mehr seinen Charme. Jetzt kamen auch immer mehr aggressive Menschen dazu, bettelten, stritten sich lautstark, lagerten Tag und Nacht vor den Geschäften und machten überall ihr kleines Geschäft. Das kleine Zentrum verlor weiter an Attraktivität.

Nachdem sich vor einigen Jahren ein gewisser Herr Isenberg (SPD) aufgemacht hat diese Menschen ohne ein alternatives Angebot mit aller Gewalt zu verdängen, wurde am Montag ein Anschlag auf eben dieses Büro verübt. Keiner weiß genau wer es war. Aber immerhin hat er die vorherige Mieterin „Pam“ – eine nette Näherin aus Vietnam – verdrängt. Der Späti wurde bereits im letzten Jahr nach einer Razzia verrammelt und nun hat sogar die alteingesesse Weinhandlung geschlossen. Der Besitzer hatte einfach keine Lust mehr auf diesen Standort mit seinen dekadenten Bewohnern.

Auf der Terrasse eines türkischen Restaurants neben dem Theater sitzen jetzt ausschließlich schöne Menschen und rauchen schön Shisha. Als Dekoration im ehemaligen Eingangsbereich wurden Plastikpflanzen und ein weißes Fahrrad verwendet. So ein Rad wird in Berlin normalerweise an den Unfallstellen von tödlich verunglückten Radfahrern als Symbol aufgestellt. Ein Schelm der Böses dabei denkt, denn manchmal sitzen ebendort auch recht zweifelhafte Gestalten mit blitzblanken, superteuren und 400 PS starken Autos, die direkt vor der Tür wie selbstverständlich auf dem Radweg parken. Die Polizei schaut weg. Es lebe das Klischee. Deutsche Anwohner sind dort nicht gerne gesehen und sind dort auch niemals anzutreffen. Man bleibt gerne unter sich.

Die Säufer – oder Touristen die sich hierher verirrt haben – sitzen nun vor der Tür des türkischen Imbisses im U-Bahnhof und trinken dort ihr Flaschenbier, denn bei REWE haben sie Hausverbot; also die unangenehmen Säufer. Gleichzeitig werden die abgelaufenen, aber noch genießbaren Lebensmittel von REWE weiterhin rechtmäßig und massenweise weggeworfen.

Auch damit hat auch dieser Ort seinen vorläufigen (moralischen) Tiefpunkt erreicht.

Aber seriöse Rikschafahrten machen auch in der Hitze und in diesen Zeiten Spaß.

Und noch was zum Jahrestag:

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