Tagebuch

RTL II

Bei meinem kürzlichen Krankenhausaufenthalt schlief ich die erste Nacht ganz alleine in einem Doppelzimmer. Gut für mich und den noch nicht anwesenden Bettnachbarn, denn meine Schmerzen waren noch nicht durch Tilidin betäubt worden und ich jammerte und stöhnte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen kamen dann die richtigen Schmerzmittel und Manni. Manni war ein einfacher und netter Mann aus Pankow mit einer frisch operierten, linken Hand. Er war über ein Dreirad im Kindergarten gestolpert, wo er als Rentner als Hausmeister-Minijobber schaffen muss, weil die Rente nicht ausreicht. Wir hatten sofort einen guten Draht zueinander und er erzählte mir und der ganzen Station sein ganzes Leben, denn er hatte seine HÖRGERÄTE zu Hause gelassen und deswegen sehr laut redete. Wegen der Hitze und um frische Luft zu bekommen stand unsere Zimmertüre fast immer weit offen. Als er ankam schaltete er sofort der Fernseher an und dieser lief dann bis Manni die Station noch vor mir wieder verließ. Es lief die ganze Zeit RTL oder RTL II. Auch dies konnte ich zugedopt ganz gut ertragen. So kam ich also in den ungewollten Genuss von Unterschichten-TV. Manni und seine Frau sahen am liebsten „Love Island“. Mich interessierten natürlich sofort die schönen Strände mit den Palmen. Also fragte ich Manni wo es gedreht wird. Der meinte nur kurz: “Auf Island“! Palmen auf Island? Das wunderte mich so sehr, dass ich mein Handy bemühte und schnell wusste, dass in Mallorca produziert wird. 😉 Am liebsten hätte laut gelacht, wenn – ja wenn das Lachen nicht so schmerzhaft gewesen wäre.

Aber am Morgen seiner Entlassung saß Manni bereits um 07:00 Uhr glücklich wie ein Kind auf seinem Bett. Er hatte einen Pappbecher in der Hand und erfreute sich an dem ersten „rischtjen Kaffe“ von der Imbissbude in der Empfangshalle und hatte dort auch schon vor dem Frühstück das erste Mal gefrühstückt. Eine dicke Bockwurst mit Senf und drei Zigaretten. 🙁

Zu Vorwendezeiten fuhr Manni in Ost-Berlin schwarz Taxi. Er bekam keine Arbeit mehr, weil er einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Solange er mit seinem Trabi am Bahnhof Friedrichstraße vorfuhr, stiegen die Menschen gerne ein. Als er sich aber einen Lada gekauft hatte, wurden sie zkeptisch. „Sie dachten wohl darüber nach, wie ich an so ein Auto gekommen war oder ob er womöglich von der Firma sei“, erzählte er mir. Wenige Monate danach war die Mauer dann weg.

Reinhardtstraße heute: