Tagebuch

Rikschatherapie

Kennen Sie solche Tage, an denen alles gesegnet erscheint? Als ob der Atem Gottes über die Welt streicht? Sich alle Menschen mit Freundlichkeit begegnen und so gar die Polizei lacht? Solche Tage sind Balsam für unsere Seelen. Ab und zu brauche ich einfach auch diese unbeschwerten Momente. An diesen Tagen scheint irgendein imaginärer Plan von selbst abzulaufen der alles zum Guten fügt. Keine Ahnung ob es am Mond, am Wetter oder an dem Asteroiden 2001 FO32 liegt, der übermorgen an der Erde vorbeiziehen wird. Vielleicht sendet er uns Sternenstaub – Stardust –  um uns zu befrieden? Wer weiß!

So ein Tag begann für mich also mit der Zeitungsmeldung, dass Lenny seine Asche in Patronenhülsen füllen ließ um diese dann an Freunde zu verschenken. Die beste Idee für die eigene Asche von der ich bisher gehört hatte. Magisch daran war, dass ich nur wenige Stunden später Lenny am Weltbrunnen wieder treffen sollte. Es sollte genau einer dieser magischen Tage werden an denen jede Begegnung zu einem kleinen Gebet wird.

Zuerst fuhr ich in die Linienstraße um gebrauchtes Holzspielzeug für mein kleines Enkelkind abzuholen. Die Frau kam mir bereits im Hof entgegen, hatte die Sachen eingepackt und somit war dies eine 2 Minutensache. So soll es sein. Trotz dieser kurzen Begegnung hinter unseren Masken bezeugten unsere Blicke Interesse und Liebe. Ein guter Anfang dachte ich. Aber bereits vor der Türe begegnete ich einem Lieferfahrer der Firma „Durstexpress“ der 3 Kisten St. Leonhards-Wasser lieferte. Die 1 Liter-Glasflasche zu 1,83  in die Linienstraße – passt. Ich wunderte mich, dass der Fahrer so lange die Rückseite meiner Rikscha anschaute. Nach einer Weile sprach er mich an und erklärte mir, dass mein Werbeschild 3 Schreibfehler hätte. Auf der Rückseite der Rikscha habe ich das Warnschild aus alten Mauertagen mit dem Text: „Sie verlassen den amerikanischen Sektor“ angebracht. Die russische Übersetzung darauf würde 3 Fehler haben sagte er und zeigte mir auf seinem Handy die richtigen Schreibweisen. Da es sich um eine Originalabbildung handelt, ist es schon erstaunlich, dass dieses Schild über Jahrzehnte genau so verwendet worden ist. Er fotografierte noch das Schild und die Rikscha und wir wünschten uns herzlich einen schönen Tag, wobei wir beide noch bemerkten wie gut es sei, dass diese Zeiten schon so lange vorüber wären.

Ich fuhr weiter zum Hackeschen Markt der wie schon seit einem Jahr fast ohne Menschen dalag. Gespenstisch schön. Nüscht los. Also weiter zum Anleger. Die Szene dort noch gespenstischer. Auch die Karl- Liebknecht-Straße vollkommen menschenleer. Im AquaDom-Gebäude gibt es gleich am Anfang des am Ufers eine Currybude, die uns Fahrern eine große leckere Portion Pommes für nur 2 Euro verkauft. Also hin dort. Mittag machen. Nur 3 Arbeiter von Hasenkamp machen auch Mittag an diesem Imbiss.  Bestimmt hatten sie die „Schätze“ – also die Raubkunst –  aus Dahlem in das neue Schloss gebracht. Was sollten sie sonst hier schon suchen? Diese Firma  ist traditionell auf den Transport von sehr wertvollen Kunstschätzen spezialisiert. Mein ehemaliger Schwiegervater Udo arbeitete damals in der Nationalgalerie und wir bekamen immer Kalender, Kugelschreiber, etc. von dieser Firma geschenkt. Der nette Verkäufer meint er hätte nur auf damit die Leute sehen dass er noch da ist. 100  € Kasse wären schon eine gute Tageseinnahme… Aber die Spezialsoße ist gut wie immer. Nur das Fett vertrage ich nicht mehr. Ich werde mir für die Zukunft etwas anders suchen beschließe ich. Billig hin oder her.

Fast aufgegessen stehen plötzlich 2 junge Frauen vor mir. Als ich sie frage wohin sie denn wollen, wissen sie es nicht und dass sind die besten Gäste! Also mache ich ihnen eine schöne Fahrt durch den Tiergarten schmackhaft um im KaDeWe einzukaufen. Kurzentschlossen entscheiden sie sich dafür, aber nur unter der Bedingung, dass ich vorher die restlichen Pommes LANGSAM aufesse, sonst fahren sie nicht mit. Haha! Auf den ersten Metern empfehlen sie mir gleich den veganen Vietnamesen in der Oranienburgerstraße gegenüber dem Sixties Diner. Danke Gott, für die prompte Lieferung meiner Bestellung! Es wird eine herrliche Fahrt entlang der Linden ohne lauten Autoverkehr aber dafür mit viel Sonne! Die Stimmung ist super. Sogar die Polizei lacht uns an. Am Tor steht natürlich wie immer Wolfgang und unterhält sich mit dem Fahrer eines riesengroßen Ungetüms. Er ist anscheinend zuerst angekommenen und wird heute die Bauerndemo in Berlin mit seinem Monstrum anführen. Wolfgang jedoch ist fester Bestandteil an diesem Ort. Er verbringt täglich viele Stunden hier und ist wunderbar. Er ist bereits 87 Jahre alt, geht er aber locker für 65 durch, so lebendig und agil ist er noch. Körperlich und geistig. Seine Geschichten der Nachkriegszeit könnten alleine ein Buch füllen. Er hat nämlich die Nachkriegszeit hier Berliner Lausbube erlebt und gibt diese spannenden Geschichten gerne an weiter den Kollegen Heinz und mich. Im Tiergarten zeige ich noch das Global Stone Projekt und erkläre den Sinn darin und wer es errichtet hat. Als wir dann weiter durch den Park fahren sind wir uns darin einig, dass wir alle keine Nachrichtensendungen nicht mehr ertragen können. Ein Mann der dies zufällig mit anhört bemerkt spontan, dass er auch das Radio ausmacht wenn die Nachrichten kommen. Ditt is Berlin.

Am Kudamm angekommen entlasse ich die glücklichen Damen mitten auf dem Wittenbergplatz und fahre gleich weiter zum Breitscheidplatz. Sonne im Gesicht haben. Aber wer sitzt denn da auf dem Rand des Weltbrunnens? Da sitzt er. Lenny! Torsten aus Charlottenburg gleicht ihm wie ein Ei dem anderen. Als ich ihn nach ein paar Minuten anspreche begegnet er mir äußerst freundlich.  Er fährt einen Chopper den er selbst gebaut hat. Dieses Gefährt sieht zwar aus wie ein Motorrad, ist aber ein Fahrrad und macht echt was her. Sogar eine Halterung für den stilechte Jack Daniels Flasche hat er angebracht. Notration! Ich darf ihn und das Rad fotografieren bevor wir ins Gespräch kommen.  Torsten arbeitet als Gebäudereiniger, hat einen Club gegründet und heute frei. „Rusty Rebbels“ mit 3 Mitgliedern.  Diese Typen bauen in einer Garage an ihrer Fahrzeugen. Klasse! Und natürlich findet er die Idee mit Lennys Asche auch super. Während wir uns so unterhalten merkert eine angetrunkene Frau aus Russland ganze Zeit lautstark herum, wie schlecht die Welt sei, dass sie keine Angst vor niemandem hätte und endlich wieder nach Hause möchte. Sehr nervig. Aber als ich weiterfahre setzt sie sich unaufgefordert neben Torsten hin und wirkt plötzlich interessiert und wird ganz friedlich…  Magic! Wir grüßen uns zum Abschied ganz nach Bikerart. Bestimmt sehen wir uns wieder.

Ich beschließe nach Hause zu fahren um mich auszuruhen, bevor Liane zu mir kommt um gemeinsam ihre neue Entdeckung zu verköstigen. „Wie´n Schnitzel“ auf Soja – Weizen – Basis. Sie sollen wie echte Schnitzel schmecken sollen, was sie tatsächlich auch tun. Aber am besten ist es mit ihr zusammen zu essen, denn eine liebevolle Gemeinschaft ist mindestens genauso wichtig für mich wie das gute Essen. Ein schöner Abschluss für diesen wundervollen Tag.

Aber zuvor gibt es noch das Highlite. Auf dem Weg nach Hause spielt da in der Nähe des Cafes am See Torsten Zwingenbergers Jazzband auf. Es sind berühmte Musiker, die ztu Berlin gehören wie Ideal oder der langer Lulatsch. Eine kleine Gruppe von Menschen hat sich versammelt und saugt die Musik, die Sonne und die Atmosphäre auf wie ein feuchter Schwamm. In vorgeschriebenem Abstand stehen vollkommen fremde Menschen im Halbkreis und dieser Moment ist als ob es nicht Böses geben würde auf der Welt.  Die Igelfrau tanzt betrunken aber gut gekleidet wie immer zu der Musik, Menschen machen Fotos und Videos, Radfahrer passieren lächelnd die Szene und manche halten an um auch dieses Geschenk zu empfangen. Ein Hund wird bespielt und holt unentwegt den Ball zurück zu meiner Nachbarin. Es ist Frieden hier. Für diesen Moment. Ein heiliger Moment. Heilige Musik im Schatten der Viktoria am großen Stern und neben den Bienenstöcken. Da stören noch nicht einmal der überlaute Presslufthammer auf der Baustelle der Cafes und der eine dumme Kampfradler den es immer gibt und der ungebremst und rücksichtslos durch die Menge prescht. Viel zu schön ist diese kleine Zeit um sich von solchen Nebensächlichkeiten aus dieser zauberhaften Pause reißen zu lassen. Bevor ich dann wirklich nach Hause fahre erlebe ich noch in einem kurzen Kontakt mit den Mitgliedern der Band und die Verbundenheit mit ihnen. Musiker sind meistens entspannte Menschen und ich spüre noch einmal sehr deutlich wie sehr mir gerade diese Menschen und der Originalklang von ihren Instrumenten fehlen.

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