Tagebuch

Andere Eltern

Ich bin es gewohnt mit den Menschen in der Stadt interaktiv zu kommunizieren. Das ist das Wesen meiner Arbeit. Ich beobachte die Passanten und kann oft erkennen was sie vorhaben, wohin sie gehen wollen oder wie sie gerade ticken. So dachte ich am Freitag es wäre eine gute Idee mittags zu den netten Teilnehmer:innen der angesagten Klimastreikdemo zu fahren. Mein Enkelkind ist erkältet und so wollte ich auch für ihn stellvertretend seinen Platz einnehmen. Also um 12 Uhr auf die Rikscha und hin zum Kanzleramt. Vorbei am Innenministerium und an der Polizeiabsperrung an der Moltkebrücke. Ich reihte mich in die Schlange der strömenden Menschenmenge ein. Noch war es nicht zu voll, aber ein Durchkommen zum Reichstag mit der Rikscha erschien mir viel zu anstrengend zu werden. Also bog ich nach dem Kanzleramt rechts ab zum Tipi und dort links zur John-Foster-Dulles Allee. Scheidemannstraße Ecke Heinrich von Gagern Straße parkte ich dann vorläufig, den Blick in Richtung Osten und zum Reichstag gerichtet. Rund um mich herum viele Menschen. Den Bass des Lautsprecherwagens 200 m vor mir im Magen. Die Stimmung friedlich. Masken werden getragen.

Ich setze mich also bequem in meine Kabine und beobachte die Szene um mich herum. Viele Kinder, aber leider auch Hunde sind gekommen. Vor mir eine Gruppe junger Mädchen im Kreis stehend, wie um sich abzugrenzen oder sich zu schützen vor den/m Fremden. Der kleine Hund auf dem Boden, hat den Schwanz eingezogen vor Angst. Nach einer Weile bücke ich mich zu ihm runter um ihn zu beruhigen und werde angefahren dies zu unterlassen. Anscheinend ist die Gruppe der Ansicht es gehe mich nichts an wie es ihm geht, lässt den Kleinen stur auf dem Boden bibbern und straft mich mit bösen Blicken. Soso. Perfekte Herzlosigkeit.

Direkt rechts neben mir stehen 3 langweilig seriös gekleidete Frauen mit teuren Fahrrädern mit einem Kind. – Andere Eltern – Der 8 jährige Junge bestaunt schon die ganze Zeit mein Fahrzeug ohne mich anzusprechen. Sieht sich immer wieder alles in Ruhe an. Er hat ein kleines Pappschild gemalt mit einem durchgestrichenen Auto darauf. Wir warten nun schon gemeinsam eine Stunde auf den Beginn des Demonstrationszugs. Immer wieder wird der Start von Menschen mit Megafonen angekündigt. Die bedanken sich auch für das zahlreiche Erscheinen. Manche der Demonstranten:innen setzten sich unterdessen auf den Boden, aber die Menschen bleiben trotz der langen Verzögerung geduldig. Die Securitys stützen gelangweilt auf die Absprerrbaken und schauen dem Treiben zu. Auch eine Gruppe Hipster links neben mir setzt sich nun auch stilgerecht im Kreis, würdigt niemanden eines Blickes. Lediglich ein Umfrageteam der Uni spricht mich an und erklärt mir den Zweck ihrer Arbeit. 200 Interviews soll jeder von ihnen führten um die Motivation der Menschen detaillierter zu ermitteln. Es wird mein einziger analoger Kontakt bleiben. Ich fühle mich nicht gesehen und habe den Eindruck niemand möchte angesprochen werden solche eine Stimmung ist um mich herum. Kein Blick; kein Gefühl erreicht mich. Es scheint als ob die kleinen Grüppchen und einzelnen Menschen nur noch virtuell kommunizieren können. Analoge Kontakte scheinen unerwünscht zu sein. Fremde echte Menschen machen anscheinend zu viel Angst oder sind uninteressant.

Dann kommt wieder Jasper zu mir, verrät mir seinen Namen und findet es unterdessen immer langweiliger hier. Er möchte eine Werbe-Postkarte von mir und zeigt sie begeistert allen Müttern die ihn begleiten. Seine Mutter hat unterdessen eine Klappstulle in der Hand und verspeist diese indem sie mindestens 30 Mal abbeißt und für mich absurd lange auf dem Krümelchen herumkaut. Auch die andern beiden Frauen der Gruppe haben ihre Bio-Essens-Box dabei. So fangen langsam viele Teilnehmer:innen an ihren Proviant zu verspeisen. Unterdessen ist es Mittag. 14 Uhr. Essenszeit.

Vor dem Reichstag findet unbemerkt ein Programm statt. Die wartenden Menschen auf der hinteren HvG-Straße strömen plötzlich massenhaft dorthin. Greta ist da! Aber niemand bemerkt es hier. Hier ist Pause. Ich lese von ihrer Ansprache erst später in der Zeitung. Wieder wird ein baldiger Beginn durchgesagt. Es wird gejubelt und Parolen werden gerufen. Jedes Grüppchen für sich. Es ist eine Art Wettbewerb um das beste Outfit, den coolsten Eindruck zu machen, das lustigste Schild zu haben oder den besten Move zu tanzen. Niemand scheint sich für den Nachbarn zu interessieren. Und ich dachte es wäre eine Großveranstaltung mit einem gemeinsamen Ziel. Dieses Ziel heißt aber lediglich KLIMA. Alles andere erscheint in der Exklusivität zu ersticken. Hier bleibt man für sich. Trotz des Events. Vielleicht ist es auch eine Spätfolge der Pandemie? Haben sich die Menschen bereits an ein virtuelles Leben gewöhnt?

Die Mutter von Jasper holt noch eine Box mit Muffins heraus und verteilt diese an die Freundinnen. Während sie mich nach 2 Stunden neben mir stehend zum ersten Mal anschaut packt sie den restlichen Teil demonstrativ wieder ein, ohne mir etwas anzubieten. Diese Geste ist exemplarisch für die Stimmung hier. Nach diesem Imbiss findet eine der drei „Anderen Eltern“ sie hat genug demonstriert und verabschiedet sich vorzeitig. Es wird noch 30 Minuten dauern bis das Medienprogramm auf der Hauptbühne und Greta endlich fertig sind und wir loslaufen… durch die Stadt …durch mein Berlin?

https://www.zdf.de/serien/andere-eltern/episode-1-comedyserie-100.html