Gestrandet in Berlin

Berlin-Pavillon 1960    Foto: Landesarchiv Berlin, Foto: Gert Schütz

In der heutigen Ausgabe des Tagesspiegel konnte man folgende kleine Geschichte lesen:

Als Madjid Asadollahi an einem kalten Abend Ende Februar in Charlottenburg seine Taxi-Schicht antritt, ahnt er nicht, dass er an diesem Tag zum Protagonisten einer filmreifen Geschichte werden soll, die große Ähnlichkeit zum 1992er Hollywood-Klassiker „Kevin allein in New York“ aufweist.

Die Titelrolle, im Film von Macaulay Culkin gespielt, übernimmt der 14-jährige Lenny aus dem 9000-Seelen-Ort Volkach in Unterfranken. Er will seinen Vater mit dem Flixbus im badischen Pforzheim besuchen, verfehlt jedoch durch einen Fehler bei der Ticketbuchung sein Ziel um einige hundert Kilometer und strandet allein in der 3,9-Millionen-Metropole Berlin. Anders als im Kultfilm trifft Lenny jedoch nicht auf zwielichtige Großstadtganoven, sondern auf den Berliner Alltagshelden Madjid Asadollahi. Der 59-Jährige nimmt ihn in seinem Taxi auf und zeigt ihm so lange Berlin, bis seine Mutter aus Bayern angereist ist.

Zu Tränen gerührt wischte sich Madjid über sein Gesicht, als er am Montagnachmittag von Taxi-Berlin-Geschäftsführer Hermann Waldner für seinen selbstlosen Einsatz geehrt wurde. Sichtlich unangenehm war ihm offenbar der Trubel um seine Person. Ein kleines Taxi-Museum auf dem Gelände des Unternehmens in der Friedrichshainer Persiusstraße bot mit historischen Taxametern und alter Funktechnik eine passende Kulisse für die Zeremonie.

Madjid Asadollahi wurde 1964 in Iran geboren, kam als 21-Jähriger für ein Medizinstudium in Münster nach Deutschland. Er verlor das Interesse am Studium, es zog ihn nach Berlin, wo er fünf Jahre als Bademeister am Brieselanger See westlich von Spandau arbeitete. Seit 1992 arbeitet er als Taxifahrer. Um 19 Uhr stand er an jenem Abend am Taxistand des Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) und wartete auf seinen ersten Kunden, als der aufgeregt wirkende Lenny in sein Taxi stieg. „Gott war auf meiner Seite“, erinnert sich Madjid an den Abend.

Lenny hatte seine Irrfahrt in Würzburg angetreten. Das im unterfränkischen Landkreis Kitzingen gelegene Volkach ist nicht gerade die am besten angebundene Ortschaft in der Region. Es gibt dort nur eine für Touristen betriebene Bahnstrecke mit Oldtimer-Triebwagen. Der Bahnhof erinnert eher an eine Station der Berliner S-Bahn.

Lennys in Baden-Württemberg lebender Vater soll für ihn online das Flixbusticket gebucht und dabei einen Fehler gemacht haben. Die Fahrt des Jungen endete nicht wie geplant in Pforzheim, sondern am ZOB in Charlottenburg – nicht der einladendste erste Eindruck von der Hauptstadt. Der „Tunnel des Grauens“, die düstere und verdreckte Fußgängerunterführung zwischen dem ZOB, dem ICC und den Messehallen, liegt gleich in der Nähe.

Am Telefon machten Lenny und seine Mutter aus, er solle sich per Taxi zum Hauptbahnhof begeben und dort auf sie warten, sie komme mit dem Auto. Nur lag vor ihr mit über 500 Kilometern eine lange Fahrt, die erst mitten in der Nacht enden würde. Zu einer Zeit also, wenn sich ein 14-Jähriger nicht mehr allein im Hauptbahnhof-Labyrinth aufhalten sollte.

Das sah auch Madjid Asadollahi so, als er mitbekam, in welcher Lage sich sein junger Fahrgast befand. Einen 14-jährigen Jungen abends am hektischen und unübersichtlichen Hauptbahnhof absetzen und allein auf seine Mutter warten lassen? „Das geht nicht“, entschied Madjid und telefonierte mit der Mutter des Jungen. „Mama Andrea“, sagte er, „mach dir keine Gedanken. Ich zeige ihm ein bisschen die Stadt, damit er zur Ruhe kommt.“ Madjid übermittelte ihr seinen Namen, die Handynummer und ein Foto des Taxis samt Kennzeichen und verzichtete auf seine eingehenden Aufträge.

Als Taxifahrer eignet man sich eine gewisse Abgeklärtheit an und eine ausgezeichnete Kenntnis der Stadt – doppeltes Glück im Unglück für den gestrandeten Lenny. Mit über 30 Jahren Erfahrung drehte Madjid mit ihm seine gewohnten Runden durch Berlin und gab ihm seine ganz persönliche Sightseeing-Tour. Brandenburger Tor, Reichstag, Potsdamer Platz – der unverhoffte Berlin-Tourist wird bei seiner Heimkehr wohl viel zu erzählen gehabt haben.

„Lenny, hast du schon was gegessen?“, fragte Madjid seinen jungen Fahrgast. Als sie in der Straße des 17. Juni bei einem Burgerladen einkehrten, wollte er für ihn etwas Verpflegung kaufen, doch Lenny bestand darauf, ihn zum Essen einladen zu dürfen. „Ich habe ihm versprochen, dass er mein Gast sein würde, sollte er noch einmal in Berlin sein“, erzählt Madjid noch immer gerührt.

Um die Wartezeit zu verkürzen, rief Madjid noch einmal die Mutter des Jungen an, mit dem Angebot, ihr im Taxi entgegenzukommen. An der Autobahn bei Potsdam fanden sie zusammen, die Mutter konnte ihren Lenny endlich wieder in den Arm nehmen.

Für Madjid ist der Großteil seines Verdiensts während seiner Schicht ausgeblieben, seine selbstlose Hilfe war für die Familie aus einer bayerischen Kleinstadt jedoch unbezahlbar. Ganz leer ging Madjid nicht aus: Bei seiner Ehrung durch Taxi-Berlin-Chef Waldner dankte ihm dieser für seinen Einsatz und übergab ihm eine Prämie als Ausgleich für die ausgefallene Schicht. Noch wichtiger war für Madjid etwas anderes, das er mit einem persischen Sprichwort umschrieb: „Wirf etwas in die Sahara und etwas Gutes kommt zurück. Das bedeutet: Tue etwas Gutes und du bekommst nur Gutes zurück.“